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Donnerstag, 20. August 2020

Buch-Rezension: TONY & SUSAN (1993) - The movie was better than the book

 

 

 

1993 veröffentlichte der mittlerweile leider an Krebs verstorbene Autor Austin Wright das Buch 'Tony & Susan', welches allerdings wie auch seine anderen Bücher keinen nennenswerten Erfolg verbuchen konnte. Es ist eine Ironie, dass Wright dieses Schicksal bis zu seinem Tod 2003 mit dem Protagoniste von 'Tony & Susan' teilte, welcher ebenfalls mit dem Autorentum kämpft. Doch handelt das Buch davon, wie dieser Kampf offensichtlich mit dem fiktiven Roman 'Nocturnal Animals' siegreich endet, hatte auch die Realität zumindest ein kleines Nachruf-Trospflaster für den verstorbenen Austin Wright parat - 2016 wurde auf Grundlage des Buches von Regisseur Tom Ford ein Drehbuch erstellt und der Nischenfilm 'Nocturnal Animals' kam in die Kinos. Nische wohl, aber eine ausgesprochene Vollendung zwischen Meisterstreich und Kunstwerk war Nocturnal Animals dennoch. Und so verhalf es auch dem Originalbuch zu einer Neuauflage und der lange überfälligen, breiten Beachtung.

 

Auch ich sah den Film 2016 bei seiner Premiere im Kino und kam nun, vier Jahre später, endlich dazu, das zugrundeliegende Buch mit dem wenig klangvollen Titen 'Tony & Susan' zu lesen. Es gäbe viel über den Film zu sagen, viele Vergleiche zu ziehen, aber 'Nocturnal Animals' bekommt ein eigenes Review. Es wäre vollkommen unfair, das Buch systematisch mit der Verfilmung zu vergleichen und daran zu messen, dafür unterscheiden sich beide Veröffentlichungen zu sehr. Ich werde mich also hier auf das Buch konzentrieren, auch wenn ich stellenweise Parallelen zum Film ziehe.


Ein Vorabkommentar zur Beziehung Buch und Film: 

Meines Erachtens nach ist der Film die in jeder Hinsicht gelungenere Veröffentlichung, und kratzt für viele, einschließlich mir, nicht zu unrecht am Titel des 'Nischen-Meisterwerkes'. Muss man wählen, ob man Film oder Buch nimmt, sollte man sich in meinen Augen für Ersteres entscheiden. Das Buch erreicht selten die künstlerische und emotionale Gewalt des Filmes, bietet dafür aber eine literarische Stärke, die der Verfilmung medienbedingt abgeht. 

Hätte ich 'Nocturnal Animals' nicht gekannt, wäre 'Tony & Susan' für mich ein sehr guter, intelligenter und hochwertiger Thriller mit doppeltem Boden. So ist er die schmucklose und verworrenere, dafür aber deutlich komplexere und bildendere Version eines wundervollen Films. 



Der doppelte Boden


Susan Morrow ist verheiratet und fest in einem Leben verankert, das ihr falsch, einengend und bedrückend erscheint. Eines Tages erhält sie von ihrem lange-verschollenen Ex-Mann Edward Sheffield, der immer schon Autor werden wollte, das Script seines ersten Buches, 'Nocturrnal Animals'. Er bittet sie, es zu lesen und ihm zu sagen, was genau diesem Buch noch fehlt. 


In fest und deutlich voneinander getrennten Abschnitten erzählt Autor Austin Wright fortan zwei Geschichten: Die von Susan, welche das Buch liest und zwischendurch über ihr trostloses Leben und die ausweglosen, sozialen Sackgassen, in die sie sich im Laufe der Jahre manövriert hat sinniert, und die des Buches IM Buch. 'Nocturnal Animals' erzählt von Familienvater Tony Hastings, welcher mit Frau und Tochter eines Nachts auf der Autobahn von ein paar Gangstern abgedrängt wird und bald darauf schreckliche Verluste verarbeiten muss...


Das Buch springt sehr geschickt zwischen den beiden Handlungen hin und her, Leserin Susan setzt an den dramaturgischen Höhepunkten ab und reflektiert über das Gelesene mit ganz ähnlichen Gedanken wie wir als eigentliche Zuschauer sie haben. Schnell wird uns und ihr klar: Dies ist nicht nur ein Thriller über einen Mann, der seine Familie verliert und damit zurechtkommen muss, es gibt eine tiefere Bedeutung, vielleicht sogar eine Verbindung zur Realität. Das Buch, das ihr von Susan gewissermaßen im Stich gelassener Ex-Mann geschrieben hat, ist ein Spiegel ihrer beider Leben. Und während Susan als Identifikationsfigur für den Leser die groben Analysen bereits übernimmt, kann man selbst weitere Details und Gedankenspiele anstellen, wo Überschneidungen zwischen den Rückblenden der Realität, als Susan und Edward noch ein Pärchen waren, zu der tragisch-spannenden Geschichte des Tony Hastings stattfinden. 


Der doppelte Boden ist da, er bot die Grundlage für das Filmdrehbuch. Im Gegensatz zu 'Nocturnal Animals' aber ist er im Buch sehr, sehr viel vager, unbedeutender und schwammiger umgesetzt. Während der Film die audiovisuellen Mittel hat, von Anfang bis Ende unheimlich viele Querverbindungen zwischen Realität und Fiktion zu stricken und so ein komplexes Dramakonstrukt zu erschaffen, macht er auch erzählerisch die eigentliche Bedeutung des an Susan Morrow geschickten Scriptes und der darin ablaufenden Geschehnisse klarer. Man kann in 'Tony&Susan' auch seine eigenen Schlüsse ziehen und Muster erkennen, aber der doppelte Boden und dessen Konsequenz wird überhaupt erst so richtig im letzten Teil des Buches relevant - und auch dann nicht im befriedigenden Ausmaß. 

 

Die Verbindung ist für die eigentliche Kernhandlung und den Clou von 'Tony&Susan' wichtig, aber das eher zwischen den Zeilen und in der Gedankenwelt des Lesers. Das emotionale Gewicht und die erschütternde Konsequenz, die Susan Morrows Begreifen im Film nach sich zieht, fehlt im Buch. Das tiefe Schlucken bleibt dem Leser überlassen. Es ist, wenn man so will, nüchterner

 

 

Fragwürdige Motivation

Ohne Wertung muss man wissen, dass der Film 'Nocturnal Animals' auch in seinem Kernplot und großen Clou vom Buch stark abgewichen ist. Ohne große Spoiler kann man sagen, dass die gesamte Geschichte mehr oder weniger von emotionaler Rache erzählt - Rache von Edward Sheffield an Susan Morrow, die ihn in mehr als nur einer Hinsicht im Stich gelassen und fürchterlich gebrochen hat. Daher ergibt im Film alles Sinn und ist auch für den Zuschauer moralisch klar.

 

Im Buch ist das doch recht anders. Auch hier läuft es im Endeffekt wohl darauf hinaus, dass das 'Nocturnal Animals'-Script eine mahnende Rachebotschaft an Susan ist, doch ist die Rechtfertigung für all das gar nicht so klar. In Rückblenden erfahren wir, wie Susan Morrow den idealistischen Edward von ihrem Gehalt alleine lange Zeit durchgefüttert hat, wie sie unter seiner eigenbrödlerischen Art litt und wie er die Ehe letztendlich beendet hat - obwohl sie nicht so recht an seine Autorenkarriere geglaubt hat, fragt man sich als Leser unweigerlich, was genau Susan Morrow ihrem exmann nun eigentlich so fürchterliches angetan hat, und ob man nicht eher auf ihrer Seite ist, weil sie einen undankbaren, arbeitslosen Taugenichts losgeworden ist, der es für selbstverständlich hielt, dass sie alles bezahlt und ihn kompromisslos unterstützt. Natürlich, in der Liebe ist jede Unterstützung Gut und Recht - aber man kommt nicht ohnehin, Susan Morrows Apathie gegenüber ihrem Exmann nachvollziehen zu können.

 

Wie gesagt, im Film ist das komplett anders. Aber auch ohne Filme hätte mich das im Buch gewundert. Der Racheplot ist allenfalls schwach vorhanden. 



Literarischer Facettenreichtum mit Hochgenuss

Filme sind schön und gut - Nocturnal Animals kann filmische Werte wie einen herausragenden Soundtrack oder exzellente Bildsprache bieten, aber ein Buch hat andere Möglichkeiten, zu glänzen. Worte zum Beispiel. Die sollen in einem Buch schon mal vorkommen. Und wenn sie in einem so intelligenten, facettenreichen Schreibstil wie dem von Austin Wright aneinandergekettet werden, kommt man hier auf jeden Fall auf seine Kosten und lernt noch was.

 

'Tony & Susan' ist unglaublich abwechslungsreich und unterhaltsam zu lesen in der Hinsicht, dass das Buch von der ersten bis zur letzten Seite voll ist mit gut durchdachten und interessanten Metaphern, Sinnbildern und Gedankenspielen. Austin Wright lässt keine einzige Seite überflüssig werden, lässt es nicht zu, dass irgendelche Füll-Sätze oder pragmatischen Zusammenfassungen die Sogwirkung seiner Erzählung stören, hier wird einfach jedem Gedanken und jeder Tat eine authentische, komplexe Ummantelung geboten. 

Nein, keine Sorge - das macht das Buch nicht anstrengend, geschwollen oder verworren - nur an sehr wenigen Stellen gegen Ende übertreibt es der Autor vielleicht ein wenig mit seinen Herleitungskonstrukten, so dass man kurz abschweift, aber über weite Strecken ist 'Tony & Susan' einer der besten Kompromisse zwischen 'Spannender Unterhaltungslektüre' und 'Hochwertiger Lernkost' den ich bisher gesehen habe. Lasst mich zwei wahllose Stellen im Buch aufschlagen und zitieren, um Beispiele zu liefern.

 

 

Seite 91:

[…] Was versprachen sie sich davon? Plötzlich, nein, nicht plötzlich, er ahnte es die ganze Zeit schon, aber dennoch war es auch eine neue Erkenntnis, spürte Tony Hastings die Höhlung dort, wo sonst seine Hoffnung wohnte, kalt, nackt, ausgeplündert, bar jeder Zukunft, so als wären ihm die Beamten bei der Suche nach etwas behilflich, das es längst nicht mehr gab. 

 
Seite 356:

[…]Die behütete, abgesicherte Susan lebt am Rand des Desasters, weil alles, was sie kennt, bereits hinter ihr liegt, während die Zukunft ein blinder Fleck ist. In Büchern gibt es keine Zukunft. Sie ersetzen sie durch Gewalt, verwandeln Furcht in Nervenkitzel, so wie in der Achterbahn. Vergiss nie, was passieren könnte, mahnen sie, wenn du, glückliche Susan mit deiner ach so heilen Welt und Familie(so anders als die reale Welt), wie Tony eines Nachts plötzlich dem Bösen begegnen würdest.


Ich hoffe, der Reiz dieser ausgedehnten Gedankengänge kommt herüber, das waren die zwei ersten Seiten, die ich wahllos aufgeschlagen habe. In 'Tony & Susan' werden derartig viele, lebensnahe Beobachtungen und treffsichere Gleichnisse getroffen, dass man sich kaum einen merken kann ehe schon fünf neue auf den Seiten stehen. Eine ganz unauffällige, aber entlarvend-realistische Beobachtung, die ich mir gemerkt habe, war dieser kleine Satz, der mehrmals fällt: 

'Sie hatte keine Lust, ihm zu widersprechen.'

Ja, wie oft haben wir schlichtweg nicht die Lust, jemandem in irgend einem Thema zu widersprechen? 


Noch tiefer geht der Abwechslungsreichtum, dem Austin Wright sich hier bei aller erzählerischer Monotonität hingegeben hat: Im Buch werden viele literarische Regeln gebrochen oder verdreht. Mitunter wechseln - auch innerhalb beider Ebenen - einfach die Zeitformen, verschiedene Charaktere verändern mit ihrer Sprechweise die Formatierung oder den Fluss eines Absatzes, Gedanken werden nicht zu Ende geführt oder wirre Nebensätze eingebaut. Die raffinierte Genauigkeit, mit der dieses organisierte Chaos zu einer extrem-seltenen Varianz im Schreibstil veredelt wird, ließ mich stellenweise Innehalten vor Respekt. So macht Lesen Spaß, so bricht man Regeln richtig. Buchenthusiasten so wie Gelegenheitsleser kommen nicht zuletzt deswegen bei Tony & Susan auf ihre Kosten.



Fazit

 

 

Als Buch bietet 'Tony & Susan' gerade für Freunde des Filmes eine stark erweiterte Version vieler Szenen - Die Autoabdrängung so wie der spannungsgeladene Dialog im Anschluss zu Anfang des Buches etwa ist unangenehmes Nervenkino, eine Tragödie, der man machtlos wie auch Tony Hastings beim Geschehen zusieht. Charaktere die in der Filmumsetzung gar nicht vorkommen spielen eine Rolle, das Buch ist ein komplexer Thriller, der weit weg ist vom effektheischenden Schock-Romans aus der Bahnhofsbuchhandlung. Vor allem für Leser, die ihren Wortschatz und ihren grammatikalischen Horizont gerne erweitern, ist 'Tony & Susan' feine Kost, die den kleinen Mann gleich neben dem anspruchsvollen Doktoranten an den Lesertisch bringt. Auf der anderen Seite ist die letztendliche Pointe der Geschichte lapidar und halbherzig umgesetzt, es fällt schwer, die Aussage des Buches zu unterstützen und ernsthafte Emotionen mit einem der Charaktere - sei es nun im Buch oder im Buch-Buch - aufzubauen. Es ist ein äußerst unangenehmes, unterhaltsames aber auch nüchternes Lese-Erlebnis in die analytische Gedankenwelt eines entfremdeten Pärchens und der Verlustbewältigung.


Für sich stehend ist 'Tony & Susan' damit ein fairer Deal, der wenige Angriffspunkte bietet.

  7 von 10 Misters für Tony & Susan
-> Yoraiko findet dich gut!


 

 

 - Yoraiko

 

Freitag, 20. März 2020

Kinderbuch-Rezension: 'Regenbogenfisch' von Marcus Pfister



Der Regenbogenfisch ist eine meiner ersten popkulturellen Erfahrungen überhaupt. Erstmalig mit der schweizer Kinderbuchfigur mit den hübschen Glitzerschuppen konfrontiert wurde ich im Kindergarten, als wir wochenlang auf ein 'großes' Theaterstück in diesem Universum vorbereit wurden, welches auf dem ausgedehnten Hörspiel basierte. Natürlich wurde dem kleinen Yoraiko keine Hauptrolle zuteil, ich war Statistenfisch #14. Besser als ein Unterwasserbaum, wenn ihr mich fragt.

Vor allem eingeprägt in meinem Langzeitgedächtnis hatte sich dabei der eröffnende Themensong des verlinkten Hörspiels. Aber auch andere Lieder sind für Nostalgiker zu empfehlen, da waren wirklich schöne Sachen dabei.

Um das Hörspiel geht es hier allerdings gar nicht, sondern um das deutlich schmalere Bilderbuch. Als ich neulich mal wieder an das Hörspiel zurückgedacht habe, habe ich das Buch recherschiert und bestellt. Für 5 - 10 € ist es bei einschlägigen Onlinehändlern zu bekommen. Die Ernüchterung beim kurzen Durchblättern des winzigen Büchleins war dann aber doch spürbar. Das Buch selbst besteht aus keinen zehn Seiten und kann vor allem mit hübschen Pastellfarben und den eingearbeiteten Glitzerschuppen glänzen - aber wirklich, wenn man das für Kinder einsetzen möchte reicht das gerade noch so, um 2 - 4 Jährige für bestenfalls fünf Minuten zu beschäftigen.


Dabei ist die dem Regenbogenfisch zugrunde liegende Message ja auch durchaus positiv: Wenn du etwas ganz Besonderes bist oder kannst, gib nicht endlos damit an sondern teile deine Gaben, dann wird man es dir danken. Das kommt auf den paar Seiten des infantilen Buches nur eben kaum durch. Zumindest nicht auf eine vergleichbare Weise wie ein vierzigminütiges Hörspiel es leisten kann.


Fazit 
 
Wer die Figur des Regenbogenfisches also mag, wer allgemein etwas 'Älteres' für Kinder benutzen möchte, dem sein die Hörspiele wärmstens ans Herz gelegt. Das Büchlein empfinde ich für den Preis von unter zehn Euro auch als lohnenswert, aber eher als Sammlerstück denn als gehaltvolle Lektüre.




6/10 Glitzerschuppen für REGENBOGENFISCH


- Yoraiko



Freitag, 13. März 2020

Kinderbuch-Rezension: 'Heute bin ich' von Mies van Hout





Vor drei Jahren habe ich auf der Buchmesse Leipzig, genauer in der Kinderbuchabteilung, ein Buchcover entdeckt, dass sich gänzlich von allen anderen hier unterschied: Es war größtenteils Schwarz, es war abstrakt und es besaß einen einprägsamen Wachsmal-Stil. Ich blätterte kurz hinein und war sofort verliebt. Ein so raffiniertes und altersunabhängiges Kinderbuch hatte ich selten gesehen. Text gibt es so gut wie gar nicht, und unüblich für Kinderbücher wird alles von eindringlichem Schwarz dominiert, doch in seiner scheinbaren Einfachheit beeindruckt Heute bin ich mit komplexen Emotionen und Gesprächsstoff für Klein und Groß. Werfen wir einen Blick hinein!


Grundsätzlich geht es darum, Fische zu vermenschlichen um so Gefühlszustände auszudrücken. Heute bin ich wütend. Heute bin ich glücklich. Heute bin ich gelangweilt. Allein diese Emotionen, von denen jede ein Fisch ist und die oftmals weit über den üblichen Friede-Freude-Eierkuchen-Kinderhorizont hinausgehen, bieten genug Gesprächsstoff, um den Kleinen zu erklären oder mit ihnen darüber zu reden, viele von ihnen werden sich in den Bildern auch wiederfinden, zumindest ist das meine Erfahrung in der Kita-Arbeit. Wir haben hier Emotionen wie das oben stehende 'verliebt', 'nervös' oder auch 'neidisch', das sind Gefühlszustände, welche Kinder im Alter von 2 - 5 in der Regel noch nicht konkret benennen oder zuordnen können, was das Ganze umso interessanter macht.

Das Andere sind die Fische selbst - In diesem fantastischen, kritzelmalerischen Wachsmal-Stil gehalten bieten sie für mich das Hauptargument für einen Kauf des Buches, mit ihren strahlenden Farben bilden sie einen spannenden Kontrast zu der absoluten Schwärze hinter sich, die das Buch stilistisch ganz klar auch für Erwachsene ansprechend macht.


Was mir aber vor allem gefallen hat war, wie durchdacht und originell die verschiedenen Emotionen hier dargestellt werden, fernab übertriebener Kinderklischees: Seht euch nur diesen betrübten Fisch an, der die Emotion perfekt einfängt und keinen Hauch Hoffnung zulässt. Oder mein Favorit des Buches, der mutige Fisch:



Ein kleiner Fisch, der unbeeindruckt in die Finsternis lächelt. Man hätte auch einen großen, bösen Fisch vor ihn setzen können, aber auf diese Weise ist es VIEL subtiler und um so vieles wirkungsvoller. GENIAL. 

Wenn man überhaupt eine Kritik an der niederländischen Autorin Mies van Hout üben kann dann vielleicht in dem Aspekt, dass sich in den 'nur' zwanzig Bildern dieses Buches einige Emotionen leider doch schon stark wiederholen - Damit meine ich alle, die grob dem Spektrum 'Erschrocken' zugeordnet werden können. Es gibt 'Erschrocken', 'Verblüfft', 'Erstaunt' und 'Ängstlich', und die nehmen sich zeichnerisch leider nicht viel. Aber hey, es sind dennoch alle sehr schöne Fische. Und aus dieser Kritik spricht wohl auch nur mein Wunsch nach einer Fortsetzung dieses Buches. 

Fazit

Dieses tolle, mit dem Kinderbuch-Preis ausgezeichnete Werk ist so vollkommen anders als 90 % von allem, was es sonst so für unsere Kleinsten gibt: Das ist bunt, schrill, simpel und einfach verständlich. HEUTE BIN ICH hingegen widmet sich den Zwischentönen, einfachen und komplexeren Emotionen und untermalt das mit skurilen und eindrucksvollen Zeichnungen die man so schnell nicht vergisst.
Man hat das Buch in fünf Minuten durchgeblättert, kann es aber immer und immer wieder herausholen. Wie ich finde eine tolle Empfehlung für Klein und Groß. Mies van Hout hat auch weitere Kinderbücher zu verantworten, welche sich einfach finden lassen und welche ich wohl früher oder später auch noch rezenzieren werde. 

8/10 Schuppen für HEUTE BIN ICH


- Yoraiko 





Freitag, 18. Oktober 2019

Durchgelesen - A Murder is Announced!



Da ich mich in jüngerer Vergangenheit mit einigen kleineren Büchern der Kriminalkönigin Agatha Christie beschäftigt habe, landete auch das Buch 'A MURDER is announced' früher oder später auf meinem Tisch, und war mir ebenso wenig wie 'Schneewittchen-Party' oder 'Alibi' ein Begriff, die ich auch durch meine Familie erhalten hatte. So viel aber kann ich schon verraten, 'AMia' war für mich das Beste der drei Werke aus der zweiten Reihe Christies, und dass trotz Miss Marple, mit der ich persönlich nicht viel anfangen kann.

Die Handlung:
„Ein Mord wird hiermit angekündigt. Er wird Freitag, den 29. Oktober, um 6 Uhr 30 abends in Little Paddocks verübt. Freunde und Bekannte sind herzlichst eingeladen, daran teilzunehmen. Eine zweite Aufforderung erfolgt nicht.“

Diese Anzeige erscheint in der wöchentlichen Zeitung eines verschlafenen Kleinstädtchens, und auch die Besitzerin des Anwesens Little Paddocks, Letitia Blacklock, ist äußerst überrascht und stellt sich darauf ein, Gäste zum fragwürdigen Anlass zu empfangen. Eine kleine Feierlichkeit findet statt, und tatsächlich - Es kommt zum Attentat auf Miss Blacklock, das schief geht, und am Ende den Attentäter selbst erschossen zurücklässt. Was ist nur passiert?

'A MURDER is announced' hat mich deutlich länger gebunden als ich es bei der überschaubaren Dicke des Buches zunächst angenommen hatte, und auch länger als And then there was no one, was zum einen sicher daran lag, dass das Buch auf für mich in recht anstrengendem Englisch geschrieben war, und zum anderen daran, dass der Inhalt selbst in der ersten Hälfte sehr träge und zäh präsentiert ist. Zum Ersten muss man sagen, dass ich an anderer Stelle die zeitgemäße Sprache von Christies Büchern lobe, weil ich sie als der Atmosphäre zuträglich empfinde. Das Ganze wird aber deutlich unangenehmer, wenn man plötzlich altbackenes Englisch lesen und übersetzen muss. Das zweitere Problem ist eine Eigenart, die ich an Christies Bücher feststelle - Abgesehen von ihren wirklich großen, populären Werken benötigen ihre Bücher immer eine lange Zeit, um in Fahrt zu kommen und den Leser zu fesseln. Die Geschichte und die Aufklärung des Mordfalls in diesem Buch kommt nur sehr, sehr langsam voran, und alles zieht sich in der ersten Hälfte beschwerlich, weil sich wieder eine vielleicht zu ausufernde Menge Zeit genommen wird, um alle Charaktere, deren Beziehungen zueinander und die Ruhe vor dem Sturm, als man auf den nächsten Anschlag wartet, ausreichend zu beschreiben. Und ich konnte abermals die meisten Charaktere nicht auseinanderhalten, was mein Fehler oder der des Buches gewesen sein mag. Ich weiß es nicht. Die paar wichtigsten Charaktere konnte ich zuordnen, schon, aber den Großteil der familiären Bekanntschaft nicht. Zu viele zu gleich klingende Namen und kaum Persönlichkeit muss man der Besetzung Christies hier ankreiden. Ich hatte das Buch damals noch vor dem Orientexpress angefangen, weil es so dünn und kompakt ist, aber man kommt alles in allem dennoch nicht gut hindurch. 

An Geschwindigkeit gewinnt die Erzählung endlich, wenn ein bestimmtes, zweites, tragisches Ereignis stattfindet. Ab diesem Punkt musste ich mich nicht mehr zum Weiterlesen zwingen, weil sich die Dramatik und das Tempo der Ermittlungen überfällig spürbar erhöhten. Das letzte Drittel des Buches mochte ich schlussendlich auch noch ganz gern, und die Auflösung war schlüssig, durchdacht und befriedigend. 

Das klingt jetzt alles eher negativ, wo ich das Buch doch als das Beste der von mir gelesenen Zwergenwerke Agatha Christies bezeichnet habe, aber damit meinte ich auch eher das am wenigsten Schlechte. Im letzten Drittel von 
A Murder is announced beginnt man tatsächlich, mit einigen Personen ernsthaft mitzufühlen, man beginnt Zusammenhänge zu verstehen und mitzurätseln, und nach der Auflösung, der sprichwörtlichen Katze aus dem Sack, versammelt sich Detektivin Miss Marple nochmals mit allen relevanten Personen um ein Kaminfeuer, um den Fall in allen Einzelheiten zu besprechen und aufzuklären. Handwerklich kein sehr sauberes Mittel, um den Leser auch garantiert nicht mit Fragezeichen über dem Kopf zurückzulassen, aber auf jeden Fall ein Willkommenes.

Das Buch ist schwierig zu empfehlen, weil ein Großteil der Erzählung dann doch Geduld und Aufmerksamkeit verlangt, wenn überhaupt sollte man es also unbedingt auf deutsch lesen, wenn man nicht wirklich, tatsächlich, beeindruckend gut in Englisch ist. Und ich dachte, ich wäre es. Mag man einen Krimi mit guter und durchdachter Auflösung hinten raus, ist A Murder is Announced die aufgebrachte Geduld und Zeit aber allemal wert. 



5,5/10 Zeitungen für Ein Mord wird verkündet




- Yoraiko



Light Novel-Review: The Saga of Tanya the Evil / Yojo Senki Volume 1





In Anime-Kreisen ist der Titel 'Youjo Senki' schon länger ein namhafter Begriff - Die Anime-Adaption der zugrunde liegenden Lightnovel ging 2017 an den Start und etablierte sich prompt als eine der unterhaltsamsten und wertigsten Actionserie des derzeitigen Angebotes. Musik, Geschichte, Optik, Humor - Alles war herausragend. Da kommt man gar nicht unbedingt darauf, auch mal zum Quellmaterial zu greifen, das als schnödes Buch weniger reizvoll erscheint. Aber die Lightnovel-Reihe zählt schon 10 Bände und ein Ende ist nicht in Sicht, demzufolge wird man hier wohl mehr Tanya bekommen, als es der Anime je leisten können wird. Ich jedenfalls hatte als großer Fan des Anime vor zwei Monaten dann endlich genug Interesse, in die Novelserie mit den beeindruckenden Coverarts hineinzuschnuppern, und weiß jetzt nach Beendigung nicht so genau, was ich dazu sagen soll.

Band 1 - 'Deus Io Vult'("Gott will es!") ist für mich unheimlich schwer zu bewerten, nachdem ich gestern endlich damit fertig geworden bin. Ganz allgemein ist unheimlich schnell(und positiv) zu bemerken, wie radikal viel Theorie, Hintergrundwissen, Palaver und Gedankenspiel der Anime für die Adaption herausgeschnitten hat, um das Tempo und den Unterhaltungswert der Geschichte zu erhöhen, in meinen Augen vollkommen zurecht. The Saga of Tanya the Evil ist überaus sperrig, setzt sehr gute Englischkenntnisse, eine einigermaßen hohe Konzentrationsfähigkeit und ein Mindestinteresse an Militärischer Theorie, Geschichte und Strategischen Manövern voraus. Mindestens die Hälfte davon fehlte mir, und so empfand ich die erste Hälfte des Buches als extrem zäh und anstrengend. 

Das liegt daran, dass Autor Carlo Zen eine sehr spezielle Art des Storytellings verwendet, der das Buch auch seine Dicke verdankt: Die 317 Seiten hätten 200 sein können, ohne wesentliche inhaltliche Verluste, auch wenn mir ein Großteil der Kernfans da sicher widerspricht. Jedenfalls gibt es in dem Buch grundsätzlich nur 5 verschiedene Szenentypen:
- Ein innerer Monolog von Tanya
- Ein Dialog zwischen Tanya und einem Vorgesetzten oder Kameraden
- Ein Dialog von Militäroffizieren ohne Tanya
- Eine Kampfszene in einer Schlacht
- Seitenlange Ausführungen über militärische Manöver, Strategien und deren Kontexte

Es gibt ein paar wenige Ausnahmen in Form von Monologen anderer Charaktere, aber grundsätzlich ist es so. Dabei muss man sagen, dass die Actionszenen im Anime sehr dominant sind, wobei sie im Buch nur einen sehr, sehr, sehr kleinen Teil aus machen, stattdessen wird das Lesegeschehen eben dominiert von laaaangen, theoretischen und sehr trockenen Gesprächen über Kriegsführung in all ihren Formen. Es gibt Triviawissen zu Strategie und Waffen und Ähnlichem und man merkt zumindest, dass Carlo Zen eine große Leidenschaft für diese Themen hat. Ich aber leider nicht, und so musste ich mich sehr oft zwingen, wieder zum Buch zu greifen. 

Ich war schon lange vor der Hälfte der Geschichte bereit, die Novelreihe als Flop abzutun, die nur von ihrem wunderbaren Anime profitierte, aber in der zweiten Halbzeit wird alles etwas besser und bekömmlicher. 
Die Monologe von Tanya werden mehr, und jeder davon ist gut und zutiefst unterhaltsam - Wenn man dem berechnenden Geschäftsmann in Tanyas Geist lauscht, wie er jeden Dialog, jede Aussage und jede Aktion sorgfältig plant, kalkuliert und zu seinem Vorteil abwiegt, kommt man nicht umhin köstlich unterhalten zu sein und sich vielleicht auch ein wenig selbst darin wieder zu finden. Kalkulieren wir nicht auch immer wieder, ob und wie sehr Situationen und andere Personen uns nützen und zu unserem Vorteil sein können? Jedenfalls sind das die in der ersten Hälfte des Buches seltenen und später häufigeren Lichtblicke. 

Allerdings wird auch häufiger ÜBER Tanya gesprochen - Die Szenen, in denen die Offiziersversammlung über Tanya von Degurechaff redet, über ihre Beförderungen berät, ihr unglaubliches Talent hinterfragt und ganz allgemein das Mysterium der Protagonistin zu ergründen versucht sind schlichtweg hochspannend. Als Leser wusste ich natürlich, was hinter Tanya steckt, aber die Art wie hier eine uns bekannte Protagonistin zum unbegreiflichen Monster aufgebaut wird war schwarzer Humor auf höchstem Level. 

Auf höchstem Level ist Tanya selbst auch ohne Frage - Wie der Autor im Nachwort ganz richtig feststellt ist die Protagonistin nach allen Klassen und Standards eine hoffnungslos überpowerte Mary Sue, der schier alles gelingt, die einen riesigen Erfolg nach dem Anderen einbucht und schon innerhalb des ersten von mehr als zehn(!) Büchern zur beispiellosen Militärlegende digitiert.  

Fokus auf andere Charaktere gibt es bisher wenig - Abgesehen von den erwähnten, überschaubaren Monologen ausgewählter Personen, die mit dem 'Rhine Devil' zu tun haben, bleiben wir entweder immer direkt auf Tanya oder es geht zumindest um sie. Interaktionen, die über Kämpfen oder bloße Dienstgespräche hinausgehen, hat sie mit anderen Charakteren nicht. Das war im Anime laut meiner erinnerung durchaus anders, kann aber ja auch noch in den kommenden Büchern hinzu kommen. 

Am Ende haben wir einen mehr oder weniger passablen Cliffhanger, der den weiteren Weg der Geschichte andeutet und klar macht, dass das Imperium, unter dem Tanya dient, am Anfang eines Weltkrieges steht. Persönlich bin ich nun nach der starken zweiten Hälfte, die sich mehr mit Tanya als dem Imperium und dem Krieg beschäftigt, sehr sehr unschlüssig ob ich die Reihe nicht doch weiter verfolgen möchte. Zuerst stand das für mich außer Frage, doch der Reiz die Legende vom Rheinteufel weiter mitzuverfolgen, ist da. Ob sich dieser gegen die begrenzte Lebenszeit, die noch begrenztere Lesezeit und die starke Konkurrenz durch hervorragende Lightnovels wie Spice & Wolf durchsetzen kann, bleibt für mich abzuwarten. Am Ende des Tages aber ist Youjo Senki 1 eine vorrangig durchwachsene Lese-Erfahrung, die sicher keine referenz für das Lightnovel-Medium darstellt, dessen ureigenmes Merkmal es ist, eher leichte Literatur zu sein. Wer in das Franchise einsteigen möchte, tut das besser unbedingt über den Anime. 


6/10 Silver Wing-Abzeichen für The Saga of Tanya the Evil





- Yoraiko


Montag, 7. Oktober 2019

Durchgelesen - Schneewittchen Party

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Agatha Christie ist jeder Person auf dieser Erde, die in ihrem Leben schon mal ein Buch in den Händen gehalten hat, ein wohlbekannter Begriff. Die wohl berühmteste Kriminalautorin der Welt hat in ihrem Leben viele, sehr viele Werke veröffentlicht, und während ich bereits einige der Populärsten wie den Orient Express oder die politisch wenig korrekten Zehn kleinen Negerlein vor längerer Zeit gelesen habe, trieb es mich Anfang 2018 auch zum wenig namhaften 'Schneewittchen-Party', das mir von der Familie geschenkt wurde, weil ich die vorher genannten Bücher sehr mochte. Hoch waren meine Erwartungen nicht, aber verriet mir der Klappentext bereits, dass hier abermals Agatha Christies männliche Antwort auf Sherlock Holmes, Hercule Poirot, das Ermittlungszepter schwingen würde. Poirot hatte ich im Orient Express kennengelernt, wo er mir als Identifikantionsfigur sehr sympathisch wurde, und so freute ich mich darauf, hier nochmals von ihm zu lesen. Lesen könnt ihr hier wiederum, dass Schneewittchen-Party für alle Freunde seichter Krimiliteratur und insbesondere Fans von Agatha Christie durchaus eine Lesung wert ist. Neulinge im Christe-Kosmos jedoch fangen besser mit den bekannteren (und besseren) Büchern an, da sie sonst von dem hier eher kruden Schreibstil abgeschreckt werden könnten. 

Die Handlung
Als eine junge Witwe in einer verschlafenen Kleinstadt eine Kinderparty ausrichtet, auf der die halbe Nachbarschaft samt dutzenden Schützlingen versammelt ist, kommt es zur Tragödie - Ein Kind wird in einem Wasserfass, das für das Apfeltauch-Spiel vorgesehen war, ertränkt vorgefunden. Niemand will etwas gesehen haben. Wer hat das Mädchen auf der Party ermordet, und warum?

Wie gesagt, niedrige Erwartungen hatte ich an dieses Buch. Und tatsächlich gestalteten sich die ersten fünfzig Seiten für mich recht zäh, und ich habe es nur langsam geschafft, mich durch die Vorstellung zahlreicher Charaktere, deren Namen ich einfach nicht zuordnen konnte und ständig wieder vergaß, dem Etablieren der Kleinstadt und ihrer Gemeinde und den Hintergründen der Feier durchzukämpfen. Aber irgendwann hat die Ermittlung Poirots mich dann doch ein wenig in ihren Bann gezogen, wenn man von der Party weggeht und das Ganze etwas mysteriöser und vielschichtiger wird - Ein geheimnisvoller Naturpark, durch den regelmäßig ein wunderschöner Mann stolziert, ein verschrobenes und seltsames Mädchen, das sich ebenfalls in den Tiefen des Parks aufhält und alles über jeden zu wissen scheint, und die Hintergrundgeschichte des Opfers, die deren Ermordung erklärt. All das ist letztendlich viel interessanter als die anfängliche Prämisse, und so wird man hier durchaus für sein Durchhalten belohnt, mit einigen überaus interessanten Charakteren und einigen spannenden Dialogen. Im Folgenden werde ich noch etwas zu meiner eigenen Theorie zur Auflösung während des Lesens schreiben, das betrifft nur den nächsten Absatz, seht das bitte als potentielle Spoilerwarnung.

Als das Mädchen Miranda ihren ersten, längeren Auftritt hatte, war ich mir sicher, dass sie die Mörderin ist. Das Einzige, das mich daran hat zweifeln lassen ist, dass ich nicht geglaubt habe, dass Agatha Christie eine kleine Psychopathin als Täterin inszeniert, ihre Zeit war einfach zu früh dafür. Als es am Ende dann mehr und mehr um Miranda ging, hatte ich mich schon gefreut, hier überrascht und bestätigt zugleich zu werden, leider kam es dann doch etwas anders, was schon ein wenig enttäuschend war. Ich hatte die Auflösung so nicht kommen sehen, aber sie war für meine Begriffe auch nicht sonderlich geschickt eingearbeitet, und letztendlich nur ein Schulterzucken wert. Dennoch, der Weg dahin im letzten Drittel des Buches war unterhaltsam. 

Das Buch trägt vor allem der Charakter des Poirot, den ich immer noch sehr schätze, und mehr als einen Sherlock Holmes für charismatisch halte. Am Ende war es ein deutlich belangloseres Buch als And then there was no one oder Orient Express, aber für das einmalige Lesen ging es vollkommen in Ordnung. Ich mochte die zeitgenössische Sprache, die sich hier wie in allen von Agatha Christies Büchern durch die Seiten zieht, und in der so einige schöne Satzkonstruktionen unterkommen.

Ein Must-read ist dieser Titel sicher für niemanden, aber einem Schinkenroman oder Bahnhofs-Thriller ist auch dieses bescheidenere Werk der Kriminalkönigin einspruchslos vorzuziehen. 



5/10 Äpfel für Schneewittchen-Party




- Yoraiko

Sonntag, 1. September 2019

Durchgelesen - Naokos Lächeln

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Haruki Murakami ist durchaus ein Autor mit namhaftem Ruf - Hinter den ganz großen Sternchen der Literaturwelt steht er in der zweiten Reihe und seit längerem im dringenden Verdacht, alltägliche Dramen und emotionale Anekdoten unseres Lebens in allgemeingültige Geschichten zu verwandeln und diese nüchtern wiederzugeben. Preisgekrönt, in 40 Sprachen übersetzt, als Kult gefeiert. Und zu den meistgelesensten Titeln seiner Schreibfeder zählt Naokos Lächeln. Der unscheinbare Titel steht gut für ein Buch, das nicht auffällig sein will, das nicht reißerisch oder mit übertriebener Spannung locken will, sondern sich etwas weiter hinten in der Buchhandlung, zwischen den Reiseführern und den Biografien, eigentlich ganz wohl fühlt. Nur eine Liebesgeschichte, wie das Cover sagt. Aber ist es auch eine Gute?

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir Murakami kein Begriff war, ehe dieses explizite Buch mir in einer Buchbesprechung auf Youtube empfohlen wurde, von einem begeisterten Leser vorgestellt und beschrieben beschloss ich, dem Autor eine Chance zu geben, nicht zuletzt, ich gebe es ja zu, wegen dem japanischen Kontext.

Dabei ist dieser doch so bedeutungslos in Naokos Lächeln - Die Geschichte könnte auch in Schweden, Australien oder Ägypten spielen. Es geht um Toru, der uns als 37 Jähriger von seiner Zeit als Jugendlicher berichtet, und wie zwei Mädchen sein weiteres Leben beeinflusst haben. Da wäre einmal seine Kindheitsfreundin Naoko, deren gemeinsamer Freund Kizuki unvermittelt Selbstmord begeht, woraufhin sich beide verlieren, später wiederfinden, ihre Trauer verarbeiten und sich langsam näher kommen. Und da Wäre Midori, ein gewöhnliches, vor Tatendrang nur so überkochendes Mädchen, das im Gegensatz zu Naoko in der Lage ist, das Leben als etwas Schönes zu betrachten.

Ich erwähnte etwas von einer nüchternen Erzählweise, und genau diese dominiert das Buch und seine Geschichte. Es geht zentral um die Themen Selbstmord, Beziehungen, den Sinn unseres Lebens, Trauerbewältigung und jugendliche Romantik, und was uns andere Menschen eigentlich genau bedeuten. Wir erleben alles durch Torus Wahrnehmung, der das Verhalten anderer Menschen und die Geschehnisse um sich herum extrem steril und unaufgeregt wiedergibt, was leider über weite Strecken des Buches für mich dazu führte, dass eine wirkliche emotionale Verbindung mit ihm ausblieb, und Naokos Lächeln stellenweise, Verzeihung, langweilig wirkt. Naoko hingegen ist gerade zu Anfang durchaus ein faszinierender Charakter, denn man versteht sie ebenso wie Toru nicht - Naoko kann weder den Selbstmord ihres geliebten Freundes Kizuki, noch den ihrer großen Schwester verarbeiten, weswegen sich ihr ganzes Wesen in Depressionen, einer tiefgreifenden Melancholie und einem spürbaren Nihilismus wiederfindet. Dennoch kommt Toru ihr nach und nach näher, während die beiden sich unleidenschaftlich über dieses und jenes unterhalten, und versucht sie zu verstehen. Auch da bleibt für mich allerdings bedauerlicherweise jede wirklich nennenswerte Entwicklung, und eine gewisse Tiefe einfach aus. Abgesehen davon, dass Naoko ein tragischer, gebrochener Charakter ist, der uns wie dem Protagonisten bis zum Schluss ein Mysterium ist, hat Murakami über Naoko nicht viel zu sagen. Und im letzten Teil des Buches, als Naoko endlich so ganz langsam anfing, in mein Leserherz zu kriechen, und meine Sympathie zu gewinnen, nun, da bringt sie sich um. Eine Handlung, die man natürlich das ganze Buch über erwartet, und die dann doch unvermitelt, kontextlos, und auch ein wenig... platt passiert. Es folgt wenig, es wird wenig beleuchtet.

Die andere große Rolle spielt wie bereits gesagt Midori, die den großen Gegen-Entwurf zu Naoko bildet, mit geradezu offensiv offenherzigem Wesen. Letztendlich bildet sich zwischen Toru, Midori und Naoko eine Dreiecksbezehung, in der er sich zwischen beiden Mädchen, und somit zwischen zwei vollkommen verschiedenen Leben entscheiden muss - Lebenslust oder Nihilismus? Hoffnung oder Melancholie? Dabei ist Midori für mich im Buch ein Lichtblick gewesen, weil sie das einzige Element in Naokos Lächeln ist, das über das Geschriebene hinaus einen Unterhaltungswert besitzt. So äußert sie gegenüber Toru ganz beiläufig die Frage, ob dieser denn zu ihr masturbiere, und dass sie ihn gerne mal dabei beobachten würde. Bei der Wahl ihres Paarungsortes ist Midori nicht sehr zugeschnürt, und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie Sex mehr als nur genießt. Abgesehen von ihrer fehlenden Diskretion und erfrischenden Besonderheit bemüht sie sich enorm um den in einer ganz eigenen Depression und angesichts Naokos Unzugänglichkeit zunehmenden Unsicherheit versinkenden Toru, noch bis zuletzt, und ist damit abermals das Gegenteil von Naoko, die von Toru gestützt wird, und diesen oft gar nicht auf Augenhöhe wahrzunehmen scheint.

Als Leser war ich, und das sage ich als jemand, der sich oft und lange mit tiefsten Depressionen außeinandersetzen musste, irgendwann angestrengt von Naoko, deren Monologe und Weltansichten allen voran prätentiös wirkten, was sich durchaus durch das Buch zieht und ich Haruki Murakami somit zumindest für dieses Werk attestieren würde. Dennoch konnte ich mich mit ihrer Art zu denken, ihrer Unfähigkeit, noch etwas Schönes am Leben zu sehen und ihrer Eloquenz mehr identifizieren als mit der fröhlichen Midori, was sich mit fortschreitender Handlung interessanterweise aber zunehmend änderte.

Das Ende des Buches ist sehr offen, sehr abrupt, lässt einen gewissen Interpretationsspielraum, ist mehr noch als das aber auch schlichtweg unbefriedigend. Naokos Lächeln beginnt mit einem alten Toru, der sich erinnert, schließt diesen Kreis aber nicht, sondern endet im Nichts. Man hat nicht das Gefühl, auf den vergangenen 400 Seiten wirklich schlauer geworden zu sein, unterhaltsam war es auch nicht, und eine wirklich tiefe Erkenntnis oder etwas, das länger als eine Woche im Kopf bleibt, hat man auch nicht mitgenommen. Die einzige, konkrete Szene, an die ich mich noch erinnere, ist das zitierte Gespräch mit Midori. Ob das nun etwas über mich oder über das Buch aussagt, sei mal dahingestellt. Somit musste ich für mich sehr ernüchtert feststellen, dass Naokos Lächeln mehr Schein als Sein war, eine große Menge Ideen und Gedanken, die sich nicht so recht verbinden wollten, und unheimlich viele Dialoge, die ich als prätentiös wahrgenommen habe, weil sie tiefere Denkanstöße vorgaukeln wollten, diese aber nicht wirklich vorhanden waren. Da es sich außerdem um eines der besten Bücher von Murakami handeln soll, entschied ich mich, dass es auch mein Einziges von ihm bleiben wird. 

Ich kann das Buch nicht wirklich empfehlen, aber wenn ihr ein durchaus seltsam/besonders geschriebenes, sehr nüchternes und un-emotionales Jugend-Drama um Depression und die Entscheidungen im Leben, den Umgang mit Trauer und Romantik lesen wollt, nehmt Naokos Lächeln vielleicht doch mal für fünf Euro mit.  



4/10 Billardkugeln für Naokos Lächeln

- Yoraiko

 

Mittwoch, 14. August 2019

Durchgelesen - World War Z




World War Z ist ein Buch, das ich schon vor längerem gelesen und rezensiert habe. Diese Rezension möchte ich nun für Denkbloggade neu aufarbeiten, denn das Buch ist mehr als lesenswert, nicht nur für Freunde des guten, alten Zombie-Genres. Und ja - Das Buch ist besser als der Film.
Den Film, den fand ich damals trotz einiger wirklich interessanter Ideen wie dem Zombieturm an der Mauer leider sehr mittelmäßig, da er gerade in der zweiten Hälfte in altbekannte Muster verfällt und abgetretene Trampelpfade des Zombiegenres bestreitet. Das verfilmte Buch hat mit damit aber nicht viel zu tun, es stellt eher eine Art Dokumentation über den in der fiktionalen Welt stattgefundenen Weltkrieg Z dar, für die ein UN-Mitarbeiter als Reporter Personen aus aller Herren Ländern und Gesellschaftsschichten interviewt. Wir als Leser erfahren, wie die unterschiedlichsten Personen sich mit dieser großen Zombieplage außeinandergesetzt haben, wie sie sie bemerkten und wie sie in ihr überlebten. Dabei geht ein japanischer Hikikomori, der nur am PC hängt und niemals sein Zimmer verlässt natürlich anders damit um als ein amerikanischer Superpromi, der sich ein Safe House mietet und ein Big Brother daraus macht. Wir erfahren, welche großen Schlachten der Menschen gegen die Untoten es gab, welche persönlichen Schicksale innerhalb dieser Plage ihren Lauf nahmen, und wie die Seuche sich auf verschiedenen Kontinenten und Ländern ausgebreitet hat. Dabei bekommen wir viele Perspektiven zum Beispiel vom Militär, von Zivilisten, Politikern, Ärzten, ganzen Familien, Einsiedlern, Matrosen, Händlern und vielen mehr.

Ich empfand das Buch am Anfang als etwas zäh... das hat vielleicht damit zu tun, dass die ersten Kapitel sehr langsam anfangen und sich mit dem nahen Osten auseinandersetzten, den ich alles in allem nicht so interessant fand. World War Z nimmt sich viel Zeit aufzuschlüsseln, wie diese Seuche anfing, wie sie sich langsam ausbreiten konnte, und wie es Stück für Stück leise und schleichend dazu kommen konnte, dass nach nicht ernst genommenen Gerüchten, verlachten Berichten und menschlichem Versagen von einem Tag auf den Anderen die "Große Panik" eintritt, also die Zombieseuche explosionsartig fast alle namhaften Länder überflutet. Und wer sich in all den Zombiefilmen, Spielen und Geschichten immer gefragt hat, wie eine eigentlich sehr gut kontrollierbare Krankheit, die nur über einen Biss übertragen werden kann, einfach mal so über mehrere Kontinente, hunderte Länder und jede Bevölkerungsschicht ausbreiten und innerhalb kürzester Zeit die Menschheit als Kollektiv ausschalten kann, bekommt hier endlich eine durchdachte Antwort darauf. So wie die Kapitel voranschreiten, haben mich die fiktiven Augenzeugenberichte mehr und mehr in ihren Bann geschlagen und fasziniert, aber das kam auch immer darauf an, wo wir gerade waren, und wem wir zuhörten, ich glaube da wird jeder Leser eine andere Erfahrung haben.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das Interview mit einer Pilotin. Ich möchte den Inhaltzusammenfassen, er nimmt aber das zugrunde liegende Kapitel vorweg, und das ist durchaus dem Effekt abträglich. Wenn euch das also stört, lest bitte ab dem nächsten Absatz weiter. Wir lauschen der Erzählung dieser jungen Kampfpilotin, die berichtet, wie sie in den Schlachten und Kriegsjahren der Plage über infiziertes Gebiet fliegt und abstürzt. Abgeschnitten von ihrer Zentrale und den gesicherten Gebieten befindet sie sich alleine in einer so genannten Weißen Zone, also einem großen Gebiet, das vor Zombies nur so trieft. Aber über ihr Funkgerät erreicht sie schließlich doch eine Funkerin namens Mets in einem nahen verbarrikadierten Haus, die wohl auch abgestürzt ist. Diese Funkerin lotst unsere Pilotin in den kommenden Stunden und Tagen mit Wärme, Strenge, einem klaren Kommando, antreibenden Parolen, mentaler Unterstützung und vor allem vielen Schimpfwörtern aus diesem eigentlich aus einem Todesurteil bestehenden Gebiet zu einem Kontrollpunkt, an dem sie gerettet wird.
Das ist eine sehr emotionale Erzählung, in die ich als Leser investiert war, weil das Kapitel als eines der wenigen im Buch eine hoffnungsvolle Freundschaft aufzeigt. Am Ende des Interviews spricht der Erzähler - unser Reporter - aber an, dass man besagte Funkerin nie gefunden habe, und es eine Funkerin mit dem Namen Mets auch nie in den Akten gab. Die interviewte Pilotin nimmt Stellung dazu und ich zitiere die letzten zwei Absätze, weil ich sie so spannend finde:


"Well, it’s bullshit, okay? So what if everything she told me was information I'd already been briefed on, so what if the psych team "claim" my radio was knocked out before I hit the mud, and so the fuck what if Mets is short for Metis, the mother of Athena, the Greek goddess with the stormy gray eyes. Oh, the shrinks had a ball with that one, especially when they "discovered" that my mother grew up in the Bronx too."

[And that remark she made about your mother?]

" Who the hell doesn't have mother issues?! If Mets was a pilot, she was a natural gambler. She knew she had a good chance of scoring a hit with "mom". She knew the risk, took her shot... Look, if they though I'd cracked up, why didn't I lose my flight status? Why did they let me have this job? Maybe she wasn't a pilot herself, maybe she was married to one, maybe she'd wanted to be but never made it as far as I did. Maybe she was just a scared, lonely voice that did what she could to help another scared lonely voice from ending up like her. Who cares who she was, or is? She was there when I needed her, and for the rest of my life, she'll always be with me."


Eine berührende und intime Anekdote in einem sterilen Buch, das oft fast schon zu nüchtern die Fakten herunterrattert. Aber das ist lange nicht der einzige Twist oder die einzige Überraschung, die World War Z dem Leser hier und da mitgibt. Es existierten für mich immer wieder Längen im Buch, etwa wenn ein Militäro ausgefragt wird, und alles extrem technisch formuliert sein muss und überall Fachwörter sind, aber am Ende des Tages zeichnet das Buch eine glaubwürdige, nachvollziehbare Historie des Zombiekrieges, und verpasst dabei auch nicht, mit einem großen Kapitel am Ende möglichst viele Fäden aufzufädeln und den Leser mit einem guten Gefühl und einem Funken hoffnung nach Hause zu schicken.


Für mein Empfinden kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich für diese Thematik interessiert und solche Art Bücher mit Interviews und gelungenem Realismus mag. Aber auch wer noch gar nichts mit dem Zombiegenre in Buchform zu tun hat, bekommt hier einen beinahe perfekten Einstieg serviert. Gut Englisch können ist aber leider Pflicht, denn auf deutsch ist das Buch nicht verfügbar. Das war in manchen Kapiteln sogar für mich anstrengend...


7/10 Untote für World War Z


- Yoraiko