Samstag, 29. August 2020

Retro-Review: Pokemon Smaragd - Noch immer Gold wert

 


 

Wenn es unter Pokemon-Fans darum geht, die beste Edition herauszustellen, spalten sich sämtliche Gemüter, die vorher doch noch in solch seliger Einigeit zusammen das deutsche Pokemon-Intro gegröhlt haben. Nichts geht über die Anfänge, sagen die Einen, die Contentmonster Heartgold und Soulsiver die Anderen. Storyenthusiasten bekamen mit Schwarzweiß 1 und 2 ihren Höhepunkt in GAME FREAKS extrem durchwachsener, aber noch extremer erfolgreichen Spielereihe. Spiele, die um den Rang des besten Pokemontitels jedoch nicht ins Rennen geworfen werden sind alle 3D-Pokemon: SonneMond, XY, SchwertSchild. Was vielleicht daran liegen könnte, dass sie ganz fürchterliche Scheiße sind. 


Ganz hervorragende Pokemon-Nostalgie und definitiv einer der Alltime-Favoriten auf die beste Edition stellt Smaragd dar - die Erweiterungsedition zur dritten Generation, welche von vielen, einschließlich mir, als alles in allem stärkste Generation wahrgenommen wird, weil mit ihr die größte Anzahl neuer, guter Pokemon hinzukam, die Region großartig war, es allerhand nützliche Funktionen gab, interessante Charaktere und Antagonisten geschrieben wurden und es die letzte, wirklich gute 'alte' Edition darstellte. Die Remakes Omega Rubin und Alpha Saphir hatten definitiv ihre Existenzberechtigung, waren an und für sich starke Spiele, konnten jedoch aufgrund ihrer kack-kindlichen Optik, dem fehlenden Charme so wie der schändlich-gestrichenen Kampfzone nicht an die Wertigkeit des Originals anknüpfen.


Ob Smaragd nun wirklich die stärkste aller Generationen ist, bleibt ein Streitpunkt. Für mich haben die Remakes Heartgold und Soulsilver mit ihren für die gesamte Reihe bis heute einzigartien zwei Regionen, 16 Arenaleitern und doppelter Story nochmal einen kleinen Voprsprung vor Smaragd, welches seinerseits die komplexeste und interessanteste Region feilbietet - und das trotz ZU VIEL WASSER. 

 

Durch meine SNES Mini-Konsole hatte ich in den vergangenen Monaten die Chance, Pokemon Smaragd in grasgrüner Nostalgie das erste Mal seit sicherlich 10 Jahren durchzuspielen. Wie die Game Boy Advance-Edition gealtert ist, welche Stärken geblieben und welche gegangen sind, dazu im Folgenden ein paar Gedanken. 

 


Bioterrorismus und Götterkampf - Annäherung zur Ernsthaftigeit


Wodurch Pokemon Saphir, Rubin und letztendlich Smaragd vor allem zur damaligen Zeit enorm profitierten, war die viel ernstere Handlung, als es sie in der ersten oder zweiten Generation gab - auch wenn die Welt nicht mehr so lebensfeindlich war wie die von Blau, Rot und Gelb. Mit Team Magma und Aqua hatte man ernstzunehmende Bioterroristen, die ein sinnvolles und ehrlich-schlüssiges Ziel verfolgten - Na gut, nur Team Magma. Die wollten mithilfe des legendären Magma-Pokemons Groudon die Landmassen zum Leben erweitern. Und Team Aqua, äh... wollte noch mehr Wasser. Entsprechend waren auch die Outfits von Magma natürlich viel cooler und jedes Kind, das was auf sich hielt, kaufte Rubin statt Saphir. Meine Mutter schenkte mir Saphir. Danke, Mama. 

 


 

Gerade, wenn man sich die neueren Editionen ansieht, sind die feindlichen Teams nunmehr nur noch Karikaturen und Witzfiguren: Team FLAAAAARE oder Team Skull, yo! unternahmen nicht einmal den Versuch, irgendetwas zu tun, um ernstgenommen zu werden. Aqua und Magma aber, das waren Erwachsene mit Idealen, denen man sich als Trainer entgegenstellen musste, weil sie zu extrem in ihrem Vorgehen waren. 

 

Auch der Story-Climax, der mit dem Aufeinandertreffen der legendären Pokemon Kyogre und Groudon gipfelte, welche sich mitten in einer Stadt vor beiden Teams und Einwohnern eine Schlacht lieferten und dabei ganz HOENN ins Wetterchaos stürzten, war für die damalige Zeit und den Pokemonkosmos etwas vollkommen Neues: Solche Storysequenzen kannte man nicht, geschweige denn eine aufeinander aufbauende Dramaturgie mit Weltrettungs-Szenario. Das wirklich cool, und das ist auch heute noch schön anzusehen. Und allein die Kampfmusik der Legendären ist auf ewig in die Analen der Pokemon-Historie eingegangen. Ich bekomm allein bei dem Video oben wieder eine Gänsehaut.


Man näherte sich hier damals einer seriösen und durchdachten Handlung an, die es vorher nicht gab - Pokemon durfte jetzt ernster sein, durfte eine Dramaturgie haben. Wir als Kinder waren weggeblasen, und das ist einer der Gründe, warum sich Generation 3 so stark bei uns eingeprägt hat. Generation 2 war technisch noch sehr unausgereift, Generation 4 war vergessliche Mittelmäßigkeit. Und nach SchwarzWeiß2 waren GAME FREAKs inhaltliche Ansprüche an ihre Spiele tot, und jegliche Durchdachtheit auf alle Zeit vom Tisch. So ist es nicht übertrieben zu sagen, dass Smaragd was Story und Charaktere angeht auch heute noch zu dem Besten der Marke gehört.


Verstaubtes Spielgefühl, Radikale Ruhe


Spielerisch sieht es da schon etwas anders aus: Nostalgie überstrahlt eine Menge Schwächen, und gerade wenn man kürzlich einen moderneren, herausragenden Pokemon-Hack wie Reborn mit Speed-Funktion gespielt hat, fällt schmerzlich auf, wie unheimlich zäh und langsam Smaragd sich spielt. Die Kämpfe sind wirklich eine tiefenentspannte Angelegenheit, bei der auf Dauer Geduld gefragt ist. Vor dem abendlichen Einschlafen eignet sich Smaragd damit noch immer, für den kleinen Spaß zwischendurch eher nicht. Überhaupt ist das entspannte Gameplay der älteren Editionen heutzutage verloren gegangen: Zu beschwingter Musik durch hübsche Gegenden ziehen, Geheimbasen finden und einrichten, Höhlen erkunden und ein paar Items shoppen - Pokemon Smaragd trägt in sich einige Stärken des JRPG-Genres der SNES-Zeit, ohne dessen Schwächen aufzuweisen.


Der Schwierigkeitsgrad war bei Pokemon selten ein Thema, höchstens in Schwarzweiß(2) ist es dann und wann mal kniffliger geworden. Auch Smaragd bereitet hier so gut wie keine Probleme, was durchaus begrüßenswert ist, wenn man sich damit entspannen möchte. Sinnvolle und ausgefeilte Features wie der Kampffahnder, mit dem man Trainer und Arenaleiter immer wieder herausfordern konnte, sorgte neben anderen Kniffen für Langzeitmotivation, und wurde somit natürlich direkt in der nächsten Edition wieder rausgeschmissen. Logisch. Abgesehen vom eigenen Vater so wie dem erst letzten Arenaleiter und später Champion Wassili, einem meiner Lieblingscharaktere im Franchise, bekommen die Arenaleiter von HOENN zwar keine sonderliche Tiefe, durch ihre Profile im Kampffahnder und die Rückkämpfe entstehen aber mögenswerte NPCs, die sich stellenweise stark einprägen. Wassilli als künstlerischer Ästhet oder die Zwillinge Ben&Svenja sein hier genannt, ebenso wie der stahlcoole Troy.



Too much water - Die interessanteste Region von Pokemon



HOENN - das Land, in dem Smaragd spielt - ist meines Erachtens noch knapp vor JOHTO und KANTO in SS und HG die komplexeste Region aller Pokemonteile. Ja, dass das Gebiet dieses Landes zu 30 % aus Wasser besteht, womit man ständig von Tentachas angegriffen wird, wenn man sich nicht schützt, ist eine sehr unglückliche Design-Entscheidung. Umso überraschender ist es, wie Smaragd selbst mit den verbleibenden 2/3 seiner Landmassen die meisten anderen Spielregionen in die Tasche steckt. Unvergessliche Routen wie der verregnete, urwaldartige Weg nach Baumhausden-City oder die Aschefelder um den Vulkan HOENNS herum prägen das abwechslungsreiche Bild der Spielumgebung und sorgen mit ihren vielen Geheimnissen, versteckten Ecken und Details dafür, dass man sie gerne immer wieder besucht.


Die Geheimbasen waren das wohl spaßreichste und kreativste Feature der gesamten Pokemonreihe, das unverständlicherweise außer für die Remakes niemals wieder zurückgehrt ist. Wie konkurrenzlos viel Freude hat es mir damals bereitet, die tiefsten und verborgensten Ecken der Region nach der am besten verstektesten Basis zu durchsuchen, die ich dann wie meinen eigenen, kleinen Palast einrichten konnte? In meinem erneuten Durchlauf habe ich hier nicht mehr so viel Zeit versenkt, aber HOENN als Spielregion macht einfach Spaß - es gibt so viel zu entdecken und zu bewundern. Viele Orte, Städte oder Routen in Smaragd sind einfach schön, laden zum Verweilen ein und sollten für GAME FREAK mahnendes Beispiel sein, warum der Sprung auf eine reine 3D-Optik der größte Fehler war, den sie jemals begangen haben. Smaragd hat hier geglänzt, und womit es wahrscheinlich am hellsten und einzigartigsten geglänzt hat, war seine Kampfzone.


Die Kampfzone - Ein verlorener Spielplatz

 

 

Hatte man die Liga in Pokemon Smaragd besiegt, war das natürlich nicht das Ende - während die meisten Teile Pokemons als ultimative Herausforderung nur einen tristen und wenig motivierenden Kampfturm mit aufeinanderfolgenden 100er-Kämpfen bieten, ließ man sich für Smaragd etwas wirklich Spezielles einfallen: Die Kampfzone, eine Insel voll mit insgesamt sieben inhaltlich abwechslungsreichen Arenen, an deren Ende die Kampfkoryphäen standen, die schwersten Gegner im Spiel. Mal abgesehen davon, wie schön auch die Kampfzone geworden ist, habe ich hier sicherlich um die hundert Stunden zugebracht: Die schwülstig-schweren aber doch so motivierenden Herausforderungen, welche durch ihre Unterschiedlichkeit keine Langeweile aufkommen lassen, wussten den geneigten Vollblut-Trainer zu fesseln. Gerade perfide-durchdachte Spießroutenläufe wie die komplett glücksbasierte Kampfvipitis oder die dungeonartige Pyramide, bei der jeder unbedachte Schritt den sprichwörtlichen Tod bedeuten konnte, trieben mir als Kind regelmäßig den Angstschweiß auf die Stirn und waren die Herausforderungen, denen ich mich Stund um Stund mal mehr, mal weniger erfolgreich zusammen mit meinem liebevoll-trainierten Team stellte. Es war eine tolle Zeit. 

Unter dieser Ansicht versteht man gar nicht so recht, warum diese so wunderbare Kampfumgebung nie zurückgekehrt ist. Nun ja, in der vierten Generation gab es nochmals eine stark abgeschwächte, blase Version, an die sich keiner erinnert, aber sonst blieb es still um diese design-Idee. Letztendlich habe ich schon vor vielen Jahren aufgehört, GAME FREAKs schwachsinnige Denkvorgänge verstehen zu wollen, vermutlich ist es im Falle der zeitfressenden und komplex-programmierten Kampfzone aber wohl nur plumpe Faulheit. 

In meinem aktuellen Durchlauf habe ich zugegebenrmaßen nur kurz in die Kampfzone reingeschnuppert, weil die Kämpfe hier wirklich gnadenlos sind und starke, auf Level 100 trainierte, optimierte Pokemon voraussetzt. Und selbst dann dauern die Herausforderungen ewig - bis man eine Kampfkoryphäre überhaupt HERAUSFODERN darf, muss man eine Attraktion drei mal in Folge gewinnen. Unglaublich, wie viel Zeit man damals darin investiert hat. Man hatte eben nichts. 

Oder hatte man einfach etwas wirklich, wirklich gutes in Pokemon Smaragd...?


Eingeschränkt empfehlenswert

 

Wie so oft, wenn ich über alten Kram schreibe, funktioniert er über Nostalgie - Smaragd spielt, hört, fühlt, sieht sich nostalgisch an. Alles ist entschleunigt, stresslos und harmonisch. Die dritte Generation hat eine unheimlich hohe Anzahl kreativer, cooler und wunderschöner Pokemon, und ebenso beeindruckende Regionen und Städte, die für Pixel-Look-Fetischisten auch 2020 noch süß aussehen. Die wirklich langsamen und im späteren Verlauf zähen Kämpfe muss man abkönnen, wenn man das Spiel am PC spielt, gibt es dafür aber sicherlich auch MODs und CHEATs. Ich persönlich habe den wiederkehrenden Entspannungs-Durchlauf durch Smaragd genossen, denn im gegensatz zu seinen Vorgängern ist das Spiel gut gealtert und steht besser da als die Remakes. Gelb/Rot/Blau kann man sich heutzutage genau wie Gold/Silber/Kristall kaum noch antun. Die Story macht Spaß, und allein für die Geheimbasen und die exzellente Kampfzone bereitet ein erneuter Blick ins Lande Hoenn herzliche Freude. Seht noch mal rein. Ihr werdet es mögen. 


- Yoraiko


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